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Die Geschichte einer verlorenen Welt, die des europäischen Judaismus zwischen 1871 und 1946, der Kampf einer jüdischen Familie um Anerkennung und sozialen Aufstieg, ihre Freuden und Leiden in einem widersprüchlichen Zeitalter - das alles versucht der Schweizer Drehbuchautor und Schriftsteller Charles Lewinsky in seinem letzten Roman zu erfassen, der in klassischer Sprache und Struktur ein bis zum Ersten Weltkrieg von Lebenslust und Konformismus bestimmtes Europa beschreibt, welches mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Horror und Absurdität umschlägt. Ohne (wie einige Kritikerstimmen) die Prosa Lewinskys mit Flaubert oder Fontane vergleichen zu wollen, ist ihm ein bewegendes und vielschichtiges Buch gelungen, das zu der Kategorie der "altmodischen Bücher" gehört,wie er selbst zu sagen pflegt. Die französische Übersetzung ist soeben erschienen: sowohl das Thema als auch der literarische Stil werden sicher das Publikum in Frankreich erobern. Hier ein Auszug:
" Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss, mit dem niemand zufrieden war. "Wenn keiner wirklich gewonnen hat", sagte Zalman hinterher zu Hinda' "dann hat auch keiner wirklich verloren." Obwohl es nicht um eine Lohnverhandlung gegangen war, sondern um eine Liebesgeschichte, hatte er damit wahrscheinlich recht. Die Lösung, die keine wirklich Lösung war und deshalb von allen akzeptiert werden  konnte, bestand darin, die Entscheidung aufzuschieben. Die beiden Verliebten wurden verpflichtet, sich ein ganzes Jahr lang nicht zu sehen; wenn sie sich hinterher ihrer Sache immer noch so sicher wären - "Was Gott verhüten möge!" - dann würde man weitersehen. Schlimmstenfalls müsste man sie dann eben gewähren lassen, wenn auch zu hoffen stünde - "Sehr zu hoffen!" - dass sie  bis dahin zur Vernunft gekommen sein würden. Désirée und Alfred behaupteten, dass nichts, aber auch gar nichts, sie trennen könne? Na schön, nun würden sie Gelegenheit haben, diese Überzeugung unter Beweis zu stellen.
Solange allerdings die beiden in Zürich blieben, da waren sich die Meijers und die Pomeranz einig, konnte man sich nicht darauf verlassen, dass sie ein gegebenes Wort auch tatsächlich halten würden. In Heimlichkeiten waren sie geübt, und auch ohne Esther Weills Hilfe würden sie Mittel und Wege finden, jede Abmachung zu umgehen. In den letzten Monaten hatte Désirée bewiesen, dass sie ihre Eltern schamlos anzulügen verstand, voe allem ihre Mutter, die sich doch - "Tu m'as déchirée, ma petite!" - ihr ganzes Leben lang für sie aufgeopfert hatte. Deshalb beschloss der Familienrat, das Alfred während dieser Warte- oder Probezeit sein Studium unterbrechen und ins Ausland gehen würde. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn so jung schon studieren zu lassen, und die verwöhnten reichen Söhne aus seiner Verbindung waren wohl auch nicht immer die besten Vorbilder für ihn gewesen. Eine gründliche Dosis praktischer Arbeit, so François' Hoffnung, würde ihm die Flausen schon aus dem Kopf triben. In Paris - das war weit genug weg - hatte François einen Geschäftsfreund, einen gewissen Monsieur Charpentier, der dort ebenfalls ein Warenhaus betrieb; mit dem wollte er sich ins Benehmen setzen und ihn bitten, seinen Sohn als Volontär bei sich aufzunehmen."
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